Kleinkunstabend am 22. Juni 2020
Kleinkunstabend am 22. Juni 2020
In Zeiten von Corona darf die Kunst nicht zu kurz kommen, natürlich müssen dennoch die Hygiene- und Abstandsregeln pflichtbewusst eingehalten werden. Das Format „Kleinkunstabend“ wurde deshalb ins Leben gerufen und findet in regelmäßigen Abständen am Seminar Maulbronn statt.
Endlich konnten auch unsere Neuntklässler*innen beim Kleinkunstformat dabei sein! Wir freuen uns schon sehr, wenn unsere Zehner*innen ab nächster Woche auch vor Ort sein werden.
Das Wetter war am vergangenen Dienstag, den 22. Juni 2020, einfach ideal. So konnte der Kleinkunstabend in unserem wunderschönen Ephoratsgarten bei sommerlichen Temperaturen mit Musik und vorgetragenen Texten (u. a. selbstgeschrieben und von Franz Kafka) beginnen. Gemeinsam wanderte das Seminar-Publikum zum Abschluss in die Winterkirche, um den Klängen von Trompete und Orgel zu lauschen. Auch dieses Mal gestalteten sowohl Schüler*innen als auch Lehrer*innen musikalische und literarische Beiträge. Bravo!


Grandiose Aufführungen der Theater-AG: Aristophanes „Lysistrate“
Grandiose Aufführungen der Theater-AG: Aristophanes „Lysistrate“
„Wenn ihr uns einmal zuhört, während wir vernünftig reden und schweigt dazu, so wie wir’s immer machen, kriegen wir euch wieder hin, vielleicht.“ (Lysistrate)
Zwei grandiose Theateraufführungen stellte die Theater-AG des Seminars Maulbronn am 29. und 30. März 2019 auf die Beine! Die Inszenierung der Zwölftklässlerin Miriam Kupfer (Promotion 2015/2019, Regie) und von Tobias Utz (Leitung, Regie), der immer neue Theater-Räume im Kloster Maulbronn bespielt, bestach dieses Jahr v.a. auch durch die beeindruckende Nutzung des Lichthofs.
Das Publikum sitzt um die mittige, quadratische Vertiefung des Lichthofs, auf die vier Wandseiten verteilt und wartet gespannt bis es losgeht. Die Atmosphäre, die durch den 360-Grad-Bühnen- und Zuschauerraum entsteht, ist magisch, die ZuschauerInnen mitten drin. Es ist still. Barfuß tritt Thukydides (Nico Kurz) auf, der die ZuschauerInnen in die Zeit des Peloponnesischen Krieges, des mit aller Härte ausgetragenen Konflikts zwischen Athen und Sparta mit ihren jeweiligen Verbündeten, entführt: „Und so gehen Hunger, Tod und Entbehrungen immer weiter, immer weiter.“
Die Titelheldin Lysistrate (überzeugend und fordernd von Nelly Keller gespielt) will und kann den Krieg nicht länger dulden und entschließt sich die Machtverhältnisse mithilfe der anderen Frauen umzukehren: „Ihr Frau’n, wir müssen, wenn wir wirklich zum Frieden uns’re Männer zwingen woll’n – enthaltsam sein.“
Immer wieder durchbrechen Lacher die knisternde Spannung, was ganz im Sinne der Komödie von Aristophanes ist. Die überdimensionalen, bunten Wasserpistolen stechen im Kontrast zur schwarzen Kleidung des Frauenchores ins Auge und lassen sowohl eine belustigende als auch skurrile Stimmung entstehen. Als der stehende und selbstsichere athenische Frauenchor auf den alten und zerbrechlich gespielten athenischen Männerchor – im Zentrum des Lichthofs – zielt, werden neuen Machtverhältnisse eingeläutet.
Die Frauen, die die Fäden der Männer-Marionetten immer geschickter zurechtziehen, treiben ihrer Männer nach und nach in die Enge, um an ihr Ziel zu gelangen. Eindrucksvoll kommt dies beispielsweise in der Szene zwischen Myrrhine (Catriona Sutherland), die bewusst ihre weiblichen Reize einsetzt, und dem immer wahnsinniger werdenden Kinesias (David Schwarz), aber auch zwischen der selbstbewussten und herablassenden Chorführerin der athenischen Frauen (Chiara Rembor) und dem schwachen und ängstlichen Chorführer der athenischen Männer (Samuel Schwarz) zum Ausdruck.
Durch die Kleidung und die Farbsymbolik werden die Figuren in dieser Inszenierung ausdrucksstark kontrastiert: Die weiblichen Figuren um Lysistrate, Kalonike (Selina Lehrer) und Myrrhine in leuchtenden Farben, die von Attraktivität, Energie und Tatendrang zeugen auf der einen Seite und die männlichen Figuren, die überwiegend in fahlen Erdtönen gekleidet sind, auf der anderen. Die Gegensätzlichkeit des sonnigen Safrangelbs von Lysistrate und den Erdtönen der Männer unterstreicht besonders gekonnt die Thematik des Stücks.
Letztlich ist der Plan Lysistrates erfolgreich, Frieden kann geschlossen werden. Das Publikum wird von der Lebensfreude über den Frieden am Ende der Komödie angesteckt. Der Thrakische Musikant mit seinem Saiteninstrument (Angelos Tyllios) führt den Festzug, der sich nach und nach tanzend um die quadratische Vertiefung des Lichthofs positioniert, an.
Tobias Utz resümiert: „Mit dem Sieg des Friedens und der Lebensfreude über Macht und Krieg, dem teils derben, teils feinen Humor, und einer einzigartigen Fülle an Informationen über den Alltag der Zeit zeigt uns die Komödie eine Seite Athens, ohne die unser Bild von den Griechen weit unvollständiger wäre.“
In dieser Inszenierung stellte eine überwältigende Anzahl von SeminaristInnen ihr Talent unter Beweis – sei es als SchauspielerInnen, Souffleusen, in der Technik, beim Bühnenaufbau oder in der Maske – ganz im Sinne unseres Leitspruchs: Entdecke deine Talente!
Theaterwochenende
Letztes Wochenende probten wir, die Semis der Theater-AG, unser diesjähriges Stück „Lysistrate“ von Aristophanes. Wir eroberten unseren besonderen Spielplatz im Lichthof und kamen immer mehr ins Schauspielern. Insgesamt sind wir ein gutes Stück weiter gekommen. Die Tage voller intensiver Probezeit und einem schönen Miteinander motivieren uns weiter an dem Stück zu arbeiten.
Herzliche Einladung zu den Aufführungen!
Wann? 29. und 30. März 2019 um 19:30 Uhr.
Wo? Im Lichthof des Seminars.
Miriam Kupfer (Promo 2015/2019)
Theater 2018: "Die zwölf Geschworenen"
„Wir dürfen zweifeln. Unsere Freiheit beruht darauf.“ (Nr. 8)
Zwölf Menschen in einem kahlen Besprechungsraum, angedeutet nur durch einen Kubus aus Holzlatten, die Zuschauer im Maulbronner Oratorium engen die Szenerie von beiden Seiten ein. Im kalten Licht einer Neonröhre arbeiten sich die titelgebenden, mit Nummern statt Namen versehenen zwölf Geschworenen Detail um Detail voran, angetrieben zunächst nur durch die beharrlichen Fragen von Nr. 8 (Aaron Gölz), der sich den Gewissheiten der anderen entgegenstellt.
Roses Fernsehspiel „Twelve angry men“ von 1954 (von H. Budjuhn 1958 für deutsche Bühnen dramatisiert) wirkt auf den ersten Blick anachronistisch – zwölf weiße Männer verhandeln einen Mordfall, ein puerto-ricanischer Jugendlicher soll seinen Vater erstochen haben. Es gibt zwar Indizien und Zeugenaussagen, aber kein Geständnis. Die Geschworenen repräsentieren das weiße Amerika der 50er Jahre, die Charaktere sind eher holzschnittartig angelegt mit klar benannten Funktionen im Stück – der „Opportunist“ (Samuel Ceruso), der „zaghafte“ (Silas Schäfer), der „korrekte, jedoch beschränkte“ (David Schwarz), der „scheue, belastete“ (Matthis Gölz) Mann.
Doch wenn die zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler – geführt von Richter (Jean-Louis Fichtner) und Gerichtsdiener (Elia Sandor) – den Kubus betreten, sich um den langen Tisch setzen und ihr Spiel beginnen, ist von dieser Schablonenhaftigkeit nichts zu spüren. Nr. 7 (laut und proletenhaft: Lisa Rueß) will zu einem Baseballspiel und nimmt eine Verurteilung zu Unrecht in Kauf, Nr. 4 (eloquent: Nelly Keller) und Nr. 12 (Catriona Sutherland, eisig und zahlenfixiert) sind eher auf ihre Wirkung als auf eine Lösung bedacht, wohingegen Nr. 9 (Davina Döring) mit dem feinen Gespür der Älteren früh auf die Zweifel von Nr. 8 eingeht. Anfänglich zurückhaltend erkämpft sich Nr. 11 (Lilian Steinmetz) immer mehr Raum – ausgerechnet sie als Kriegsmigrantin aus dem Ostblock muss den uramerikanischen Alphatieren (Nr. 3 und Nr. 10: Samuel Schwarz und Michael Posur) den Wert eines fairen Verfahrens in Erinnerung rufen. Am Ende entlarven sich diese beiden selbst: Nr. 10 wird getrieben von seinen Ressentiments gegen Einwanderer, Nr. 3 projiziert die Enttäuschung über sein eigenes, gewalttätiges Scheitern als Vater in den Mordprozess. Die Geschworenen befinden auf „nicht schuldig“ – doch Gewissheit gibt es weiterhin keine.
Regisseur Tobias Utz (Regieassistenz: Miriam Kupfer) fordert mit der Wahl dieses Stückes seine Darstellerinnen und Darsteller heraus – die Textmenge ist groß, die teils kleinschrittigen Dialoge (konzentriert soufflierend: Hanna Bubeck) fordern durchgehende Präsenz. Hinzu kommt der freistehende, von allen Seiten einsehbare Raumkubus, der sämtliche Protagonisten permanent den Blicken der Zuschauer aussetzt; es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, keinen Abgang, keinen unbeobachteten Moment. So verstärkt das Bühnenbild die Idee einer Versuchsanordnung, die dem Stück ohnehin innewohnt. Umso beeindruckender ist die Leistung des Ensembles, das auf engstem Raum als Ganzes agiert, sich immer wieder neu anordnet und den mühevollen, teilweise quälenden Weg des Diskurses beschreitet.
Womöglich besteht hierin auch die eigentliche Stärke von Tobias Utz‘ Theaterarbeit in Maulbronn: seine Schauspielerinnen und Schauspieler einerseits mit einem unbequemen Stück, gepaart mit unbedingtem Kunstwillen, zu konfrontieren, andererseits aber auch einen Vertrauensraum zu schaffen, der es den jungen Erwachsenen erlaubt, sich an eigene Grenzen zu spielen und diese in manchem Augenblick zu durchbrechen – exemplarisch zu beobachten in den bis zur völligen Entäußerung gehenden Ausbrüchen von Nr. 3 und Nr. 10.
Es bleiben zwei eindrückliche Theaterabende im Maulbronner Oratorium, die die Zuschauer nachdenklich zurücklassen – die vermeintlichen Anachronismen entpuppen sich als erschreckend aktuell. Warum lassen wir (wieder) wütende weiße Männer voller Wut und Ressentiments unsere Demokratien unter Druck setzen? Aber auch: Sind wir wirklich bereit, das „Zweifelndürfen“ als Freiheit zu verstehen, halten wir den mühevollen Diskurs und die fehlenden Gewissheiten aus?
Harald Philipps (Abteilungsleiter, Physik, Deutsch)







