Einsingen mit Conrad

„Ng“ - Tatsächlich liegt meine Zunge wie ein Lappen in meiner Mundhöhle. „Nnnngg“. Merkwürdig fremd fühle ich meine Zunge, wenn ich diese Laute produziere und darauf achte, was sich dabei in meinem Mund abspielt. Gleich nochmal: „nnnggg“. Ja, richtig, genau wie ein Lappen am Gaumen. Ich bewundere den Leiter des Einsingens, Conrad Schmitz, dafür, wie genau er die Mechanismen im Körper beschreiben kann, die Laute erzeugen. 

„nn-“ beginne ich wieder, dann fällt mir auf, dass die anderen 86 Personen im Raum bereits laut „aaaaa“ machen. Oben auf der Bühne steht Conrad am Flügel. Sein Mund ist halbweit geöffnet und er lässt Luft herausströmen „aaaaaaaaaa“. 87 Sänger antworten: „aaaaaaaaaaaa“. „Der Ton entsteht nicht im Mund, er muss aus dem Bauch kommen.“, sagt Conrad, „Wenn ihr eure Hände auf die Brust legt, könnt ihr es darin wohlig vibrieren fühlen. Macht das mal.“ Er legt dabei seine Hand auf die Brust, holt tief Luft und beginnt mit den Modulationen. Alle tun es ihm nach.

Als ehemals passionierter Nicht-Chorsänger kann ich mich noch gut daran erinnern, mit welch gemischten Gefühlen ich bisher Chören beim Warmmachen der Stimme zugehört habe. Irgendetwas zwischen mitleidigem Bedauern und ungläubigem Kopfschütteln. Jetzt stehe ich selbst in der großen Gruppe der Chorsänger und beginne zu begreifen, dass dieses Einsingen mit all dem Summen, Prusten, Plappern, Kauen, mit der Variation der gesungenen Tonhöhen, dem Vor- und Nachsingen, mit dem Gesichtmassieren, dem übertriebenen Gähnen, mit dem genauen Nachfühlen, wo im Mund Vokale gebildet werden, in der Tat eine wesentliche Veränderung der Singqualität mit sich bringt. Zu Beginn der Übung klingt die Gruppe noch wie eine Gruppe von 86 Personen, die mehr oder weniger laut, mehr oder weniger deutlich, mehr oder weniger klar singt. Aber am Ende… 

Aber vor dem Ende wird es knifflig und anstrengend. Obwohl es Conrad lieber hat, wenn alle stehen (dann klingt es auch deutlich besser), sollen wir uns jetzt setzen. Allgemeine Erleichterung. Conrad sitzt auch (auf dem Klavierhocker) und beginnt mit seinen Handflächen rhythmisch auf seine Schenkel zu klopfen („tackatackatackatackatackatacka“). Ich ahne Übles. Immer mehr Sänger, die jetzt zu Schlagwerkern mutieren, nehmen den Rhythmus auf, auch ich versuche mein Glück. Wenn ich leise genug klopfe bemerkt niemand, dass ich keine Ahnung habe, wann die Betonungen lauter geklopft werden müssen. Verschämt blicke ich um mich und sehe sehr viele mit geschlossenen Augen im Rhythmus vertieft, einigen scheint es aber auch eher wie mir zu gehen. Als Conrad dann die Füße zu einer Betonung des Rhythmus einsetzt („babummbumm - - babummbumm“), kapituliere ich innerlich. Dennoch zwinge ich mich zu einem Versuch. Eine Zeit lang glaube ich, den Bogen herauszuhaben, bis ich bemerke, dass ich doch irgendwie aus dem Takt bin. Überglücklich komme ich der Forderung nach, zum Singen wieder aufzustehen.

„Könnt ihr euch mal den Kopf vollstaunen?!“ bittet Conrad und zeigt uns mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund, mit nach oben-hinten gezogenen Stirnfalten an, was er damit meint. Ich imitiere seine Mimik und stelle fest, dass der Innenraum meines Kopfes jetzt vergrößert wirkt. Die Lippen werden leicht geschürzt, Luft strömt, „ooooooooooooooo“. „Wenn ihr dabei übertrieben klingt, wie echte Opernsänger, dann ist es richtig.“, sagt Conrad. „OOOOOOOOOOO“ Er klingt wirklich wie ein echter Sänger, aber das liegt sicher auch daran, dass Conrad ausgebildeter und ausgezeichneter Bassbariton ist. Der Chor gibt entsprechend alles. Und wieder zeigt sich, wie verändert eine Gruppe Menschen singen kann, wenn sie entsprechend angeleitet wird. „OOOOOOO“. „Wahnsinn, jetzt klingt‘s super“, freut sich Conrad. Er steht jetzt wieder am Flügel und greift in die Tasten, der Chor schmettert „Niiwweeeeeaaaaaa, niiiiwweeeeeaaaaa, niiweeeeeeaaaaaaaaaaaaa“ – jetzt erwische ich mich doch bei dem Gedanken, dass das auf Außenstehende ziemlich lustig wirken muss. 

Dann aber höre ich genau hin. Ja, es klingt tatsächlich super. Am Ende des Einsingens also klingt die Gruppe nicht mehr wie 87 Einzelpersonen - sie klingt wie ein Chor.

von Sem-Julian Griesinger 

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